Was Schulen aus der Pandemie lernen können

Anlässlich ihrer Abschlusskonferenz präsentierte die Forschungsgruppe «Digitalisierung der Bildungspraxis» ihr Nutzungsmodell für räumlich getrennten Unterricht Fachpersonen aus dem Bildungsbereich.
Rund 30 Bildungsfachpersonen aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein nahmen am 2. September 2026 an der halbtägigen Abschlussveranstaltung des Projekts «Digitalisierung der Bildungspraxis» an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen teil. «Nach dreieinhalb Jahren Forschungsarbeit wollen wir heute mit Menschen, die mit Bildung zu tun haben, ins Gespräch kommen und diskutieren, wie sich Schulen auf zukünftige Krisen vorbereiten können», eröffnete Valentin Unger, Projektleiter und Bereichsleiter Ausbildung am Institut Pädagogische Psychologie der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG), die Tagung. Gemeinsam mit Julian Brauchle, Forschungsteammitglied und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Pädagogische Psychologie der PHSG, präsentierte er die Forschungsergebnisse und das auf der Basis der Erkenntnisse entwickelte Nutzungsmodell «Räumlich getrennter Unterricht – Nähe schaffen. Struktur geben. Wohlbefinden stärken». Es wurde als Hilfestellung für Bildungsprofis konzipiert und soll diese bei der Vorbereitung auf eine zukünftige Krise unterstützen.
Nutzungsmodell zur Krisenvorbereitung im Praxistest
Im Rahmen eines Workshops testeten die teilnehmenden Fachpersonen das Nutzungsmodell, das als Werkzeugkasten gedacht ist. Anhand von Fallbeispielen beantworteten die Teilnehmenden Fragen der Forschungsgruppe. Dabei konnten sie auf das Nutzungsmodell aber auch auf ihre individuellen Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie zurückgreifen. So wurde diskutiert, dass sich ein Online-Check-In am Morgen als gute Methode herausgestellt hat, um zu prüfen, ob alle Schülerinnen und Schüler wach und bereit für den Fernunterricht sind. Die weitere Unterrichtsplanung, so zeigte sich, müssen Schulen in Krisenzeiten allerdings individuell ausgestalten. Die Forschungsarbeiten hätten gezeigt, dass es die One-size-fits-all-Unterrichtsplanung für Krisensituationen nicht gebe, so Julian Brauchle. Deshalb ist das Nutzungsmodell entlang von Leitfragen zu sechs Kernthemen aufgebaut, darunter die Strukturierung des Unterrichts. QR-Codes verweisen auf Ideensammlungen. Lehrpersonen können sich davon frei inspirieren lassen.
Information als erste Massnahme
Stephan Huber, Vorsitzender des Projektbeirats, leitete nach der Poster-Session die Podiumsdiskussion zur Zukunftsperspektive und eröffnete sie mit der Frage, was in einer zukünftigen Pandemie als Erstes erforderlich wäre. Für Lily Houben, Präsidentin der Union der Schüler:innenorganisationen der Schweiz und Liechtensteins (USO) und Martin Stürm, Kommunikationsbeauftragter der Bildungsdirektion des Kantons Zürich, gehört die Information der Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und Eltern zu den Sofortmassnahmen im Falle einer zukünftigen Krise. Im weiteren Verlauf der Diskussion identifizierten die Podiumsteilnehmenden insbesondere Faktoren, die zur Vorbereitung auf eine künftige Krise bereits im Vorfeld wichtig sind.
Selbstkompetenz unterrichten
Christoph Helm, Johannes Kepler Universität Linz, erklärte: «Das Ziel muss sein, dass im Krisenfall alle möglichst wenig zu tun haben.» Damit die Schule krisenresilient werde, gelte es, den Schülerinnen und Schülern bereits jetzt jene Kompetenzen beizubringen, die sie in einer Krise benötigten. Gut vorbereitete Schülerinnen und Schüler kämen besser mit einer Krisensituation zurecht. Diese Erkenntnis hatte sich auch aus dem NFP-80-Projekt ergeben. Die erlernte Fähigkeit, die eigenen Impulse, Gedanken und Handlungen bewusst zu steuern und gut mit Stress umzugehen, die sogenannte Selbstregulation, erwies sich während der Covid-19-bedingten Schulschliessungen als wichtigster Prädikator für Lernerfolg und Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler. Auch Ariane Heynoldt, Praxislehrperson Sekundarstufe 1 an der PHSG, betonte die Bedeutung des Aufbaus von Selbstkompetenzen bei Schülerinnen und Schülern: «Hier haben wir aktuell eine andere Herausforderung, der wir deutlich mehr Beachtung schenken müssen.»
Krisenresilienz versus Schulkultur
Martin Stürm gab zu bedenken, dass die Krisenresilienz einer Schule wesentlich von ihrer Kultur geprägt werde. «Wir sollten anfangen, an Schulen eine Kultur des Miteinanders zu entwickeln», ist er überzeugt. Christoph Helm teilte dieses Anliegen. Es werde immer wieder bemängelt, dass Lehrpersonen zu wenig zusammenarbeiteten. Teamarbeit werde an Pädagogischen Hochschulen nicht unterrichtet. Vielen Lehrpersonen falle es schwer, Kontrolle abzugeben.
Vulnerable Schülerinnen und Schüler bereits im Vorfeld erkennen
Zum Abschluss der Diskussionsrunde griff Stephan Huber mit dem Thema «Besondere Vulnerabilität bei Schülerinnen und Schülern erkennen» ein zentrales Element des von der Forschungsgruppe entwickelten Nutzungsmodells auf. Um einzelnen Schülerinnen und Schülern zu helfen, könnten Schulleitungen Gleichaltrige oder auch das persönliche Umfeld miteinbeziehen, legte Lily Houben nahe. Das Thema mentale Gesundheit werde heute nicht mehr so stark tabuisiert wie früher. Ariane Heynoldt geht davon aus, dass Klassenlehrpersonen benennen können, um wen sie sich im Krisenfall besonders grosse Sorgen machen: «Zählen vulnerable Personen zu meinen Schülerinnen und Schülern, muss ich mir bereits im Vorfeld überlegen, welche Ressourcen ich in einer Krisensituation anbieten kann.» Hier erwarte sie auch von Schulleitungen genügend Pragmatismus. Es könne sich auch eine Kochlehrerin mit einem besonders guten Draht zu einer vulnerablen Schülerin in einer Krise um diese Schülerin kümmern.
Im Sinne eines persönlichen Fazits schlussfolgerte Martin Stürm: «Wir werden üben müssen, um routinierter zu werden.»
