Die Covid-19-Pandemie traf auf eine vulnerabilisierte Generation junger Menschen

Das Forschungsteam «Generation Covid» zeigt, dass sich die psychische Gesundheit junger Menschen während der Covid-19 Pandemie stärker verschlechterte als in älteren Altersgruppen. Auch nach der Krise besteht Handlungsbedarf.
Zu Beginn der Pandemie stand vor allem der Schutz von Personen mit einem erhöhten gesundheitlichen Risiko sowie älterer Menschen im Fokus. Die psychische Belastung junger Menschen wurde zunächst deutlich unterschätzt. Erst auf Druck von Fachpersonen und Jugendorganisationen fand sie Beachtung. Nun zeigen die Resultate des Projekts «Generation Covid», dass bei der mentalen Gesundheit Jugendlicher auch über die Pandemie hinaus Handlungsbedarf besteht. Besonders die psychische Verfassung junger Frauen litt unter der Pandemie.
Zuhanden von Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern erarbeiteten die Forschenden einen Policy-Bericht mit Erkenntnissen und Empfehlungen zur Ausgestaltung, Umsetzung und Evaluation von Unterstützungsmassnahmen. Darin halten sie fest, dass wirksame politische Unterstützungsmassnahmen für junge Menschen eine enge sektor- und kantonsübergreifende Koordination sowie ein langfristiges politisches Engagement voraussetzen.
Unter der Leitung von Marieke Voorpostel von der Universität Lausanne stellte die Forschungsgruppe ihre Ergebnisse und Empfehlungen im Rahmen einer Schlussveranstaltung einem Fachpublikum vor.
Marieke Voorpostel, gibt es gemäss Ihren Forschungsergebnissen so etwas wie eine «Covid-19-Generation»?
Ja, allerdings mit Abstufungen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich die psychische Gesundheit junger Menschen während der Pandemie stärker verschlechterte als in älteren Altersgruppen. Wir stellten jedoch auch fest, dass das Wohlbefinden junger Menschen bereits vor der Covid-19-Pandemie rückläufig war. Allerdings ist es wichtig, junge Menschen nicht als eine einzige, homogene Gruppe zu betrachten. Viele junge Menschen überstanden die Pandemie relativ gut und bewiesen beachtliche Resilienz. Wenn wir also von einer «Covid-19-Generation» sprechen, meinen wir damit nicht, dass alle jungen Menschen auf dieselbe Weise dauerhaft durch die Pandemie geprägt wurden. Vielmehr war sie ein einschneidendes Ereignis, das eine Generation betraf, die ohnehin schon mit wachsendem Druck und zunehmender Vulnerabilisierung konfrontiert war.
Ihre Forschungsergebnisse zum Wohlbefinden junger Menschen sind quantitativ. Werden sie durch qualitative Forschung untermauert?
Ja. Unsere Ergebnisse basieren auf quantitativen Längsschnittdaten des Schweizer Haushaltspanels. Sie werden aber durch eine qualitative Studie von Kolleginnen und Kollegen der Universität Genf gestützt. Diese zweite Studie umfasste Tiefeninterviews mit Jugendlichen sowie Fokusgruppen mit Fachleuten, die mit jungen Menschen und deren Familien arbeiten. Die Interviews zeigten beispielsweise, wie die Pandemie oft bereits bestehende Gefährdungen wie familiäre Spannungen oder schulische Schwierigkeiten noch verstärkte. Die Interviews hoben zudem Erfahrungen mit sozialer Isolation hervor sowie Herausforderungen bei der Rückkehr zum normalen Leben nach den Lockdowns oder das Gefühl einiger Jugendlicher, dass ihre Anstrengungen und Opfer während der Pandemie nicht anerkannt wurden. Insgesamt zeichnen die quantitativen und qualitativen Ergebnisse ein sehr einheitliches Bild. Die Pandemie betraf nicht alle Jugendlichen gleichermassen, aber sie verstärkte bestehende Vulnerabilitäten und schuf Schwierigkeiten, die für manche Jugendliche weit über die Lockdowns hinaus andauerten.
Ihre Forschung zeigt, dass die Kantone bei der Förderung der psychischen Gesundheit junger Menschen das Geschlecht berücksichtigen müssen. Bedeutet das, jungen Frauen Vorrang einzuräumen?
Nicht unbedingt, aber es bedeutet, anzuerkennen, dass junge Frauen anders und oft stärker von der Pandemie betroffen waren. Unsere Forschung ergab, dass die Verschlechterung der psychischen Gesundheit während und nach der Pandemie bei jungen Frauen grösser war als bei jungen Männern. So nahmen beispielsweise Angstzustände bei jungen Frauen deutlich stärker zu. Das Geschlecht zu berücksichtigen, bedeutet daher, sicherzustellen, dass politische Massnahmen und Programme den unterschiedlichen Bedürfnissen Rechnung tragen. Wir identifizierten auch andere gefährdete Gruppen, darunter junge Menschen, die weder eine Schule besuchen, noch arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren, sowie junge Menschen, die in Armut leben. Das Ziel ist nicht, eine Gruppe gegenüber allen anderen zu bevorzugen, sondern die Gerechtigkeit der öffentlichen Politik zu fördern. Es gilt sicherzustellen, dass die Unterstützung diejenigen erreicht, die den grössten Risiken und Hindernissen ausgesetzt sind.
