Parlament interessiert sich für Einsamkeit – Interview mit Psychologin Annika Rohrmoser

Wie lässt sich soziale Isolation wirksam bekämpfen? Diese Frage erforscht Annika Rohrmoser im Forschungsprojekt «Einsamkeit vorbeugen». Sie präsentierte ihre Erkenntnisse im Rahmen einer parlamentarischen Veranstaltung zu Einsamkeit.
Am 18. März 2026 organisierten die drei parlamentarischen Gruppen für Altersfragen, Kinder und Jugend, sowie Care Leaving den Anlass «Gemeinsam gegen Einsamkeit: Forschung, Praxis und Politik im Dialog» im Bundeshaus. Ziel der Veranstaltung war es, das Thema Einsamkeit in seiner Breite auf die politische Bühne zu heben und einen Austausch zwischen den beteiligten Stakeholdern zu ermöglichen. Das NFP 80 war mit einem Fachinput prominent vertreten.
Annika Rohrmoser, Forscherin am Institut für Bio- und Medizinethik der Universität Basel und Doktorandin im Forschungsprojekt «Einsamkeit vorbeugen» unter der Leitung von Professorin Bernice Elger und Professor Rainer Greifeneder, berichtete über Wege aus der Einsamkeit und beleuchtete dabei die unterschiedlichen Herangehensweisen zwischen individuellem Erleben und gesellschaftlicher Herausforderung. Den Weg zur Präsentation im Bundeshaus hat das Pairing Scheme des NFP 80 bereitet. In dessen Rahmen tauscht sich Annika Rohrmoser mit Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach (Die Mitte) aus, die Co-Präsidentin der parlamentarischen Gruppen für Altersfragen und für Kinder und Jugend ist. Im Interview berichtet Annika Rohrmoser über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Anlass im Parlament:
Frau Rohrmoser, kann die Wissenschaft der Politik Empfehlungen oder Lösungen zur Bewältigung der Einsamkeit bieten?
Ja! Natürlich ist es aus Forschungsperspektive nicht ganz einfach, klare Empfehlungen und Wünsche auszusprechen und die Nuancen, Wahrscheinlichkeiten und Ungewissheiten der wissenschaftlichen Arbeit beizubehalten. Trotzdem macht unsere Arbeit deutlich, dass die Politik zum einen durch die Finanzierung von konkreten Massnahmen auf der individuellen Ebene, wie psychotherapeutischen Gruppenangeboten, aber auch durch die Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders Rahmenbedingungen schaffen kann, damit weniger Menschen von starken und belastenden Einsamkeitsgefühlen betroffen sind.
Welche Erkenntnisse nehmen Sie als junge Forscherin aus der Veranstaltung mit?
Für mich war es sehr spannend mitzuerleben, wie Themen ihren Weg in die Politik finden und dort damit umgegangen wird. Wir aus dem Team freuen uns natürlich riesig, dass unsere Forschung so auf Interesse stösst! Dass Einsamkeit Politikerinnen aus ganz verschiedenen Lagern zusammenbringen kann, die sich alle mit Ideen und Lösungsvorschlägen in die Diskussion einbringen, war für mich sehr schön zu erleben. Eine wichtige Übung war es für mich, die Ergebnisse der eigenen Arbeit so darzustellen, dass sie einem breiteren Publikum verständlich sind, ohne dabei zu überspitzen oder verzerren. Auch die Fragen der Politikerinnen im Anschluss an meinen Vortrag waren inspirierend und motivierend, die eigene Forschung weiterzutreiben, aber besonders auch die praktischen Implikationen und Umsetzbarkeit immer im Blick zu behalten. Dass es hierbei auch viel um Finanzierungsfragen und Verantwortlichkeiten geht, ist erwartbar, aber war nochmal ganz anders erlebbar in der Diskussion im Bundeshaus.
Welche Resultate und Empfehlungen haben Sie präsentiert?
In meinem Vortrag habe ich unsere Arbeit in unserem Projekt kurz zusammengefasst. Wir haben im Rahmen unserer Forschungsarbeiten gesehen, dass Einsamkeit häufig als individuelles Problem angesehen wird und untersuchte Massnahmen oft auf der individuellen Ebene ansetzen. Zugleich wird aus der Forschungsarbeit deutlich, dass es Massnahmen auf verschiedenen Ebenen braucht, um den vielfältigen Formen von Einsamkeit wirksam zu begegnen. In den Interviews, die wir geführt haben, haben uns Menschen von ihren eigenen Einsamkeitserfahrungen berichtet. Dabei haben wir gelernt, wie vielfältig Einsamkeit sein kann und dass es keine einfache “one-size-fits-all"-Lösung gibt. Zugleich haben uns die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner auch erzählt, dass nicht alle Einsamkeit als etwas Negatives wahrnehmen: für manche ist es ein Signal, sich neue Kontakte und Hobbies zu suchen oder kann so auch zu einer Chance werden, sich weiterzuentwickeln. Insofern habe ich dafür plädiert, Einsamkeit als facettenreiches Phänomen zu würdigen und nicht nur auf eine komplette Abwesenheit von Einsamkeit hinzuarbeiten.
